Heldin

Elisabeth Mardicke, 9a,
Liborius-Gymnasium Dessau-Roßlau, Rabestraße 19 06844 Dessau-Roßlau

Heldin

Mein Wecker klingelte und ich schlug die Augen auf. Ich stand auf und legte meine Uniform an, schloss alle 10 Knöpfe und blickte verdrießlich in den Spiegel. Meine Haare flocht ich zu einem strengen Zopf, alles regelkonform. Ich blickte auf meine kleine Uhr, ich hatte noch 5 Minuten, um nach unten zu gehen. Schnell putzte ich meine Zähne, wusch mein Gesicht und ging hinunter in die Küche.
Mein Vater wartete bereits mit dem Frühstück auf mich. Es gab Haferbrei, wie jeden Morgen. Wie sehr ich Haferbrei hasste.
„Hier ist deine Ration für heute.“, sagte Papa, schloss die letzte Box und reichte mir mehrere Boxen. Wie immer hatte er mir 3 Portionen zu viel eingepackt. Ich strengte mich an, nicht die Augen zu verdrehen und schaffte es auch, irgendwie. Meine Eltern hatten ein Helfersyndrom und wollten es unbedingt auf mich übertragen. Es lag nicht einmal am Regelwerk, es waren einfach… sie. „Danke“, antwortete ich lächelnd, während ich meine Tasche nahm.
„Denk bitte daran, das Essen zu verteilen“, wies mich mein Vater an. Ich sah auf die Uhr und zuckte zusammen. Mist, ich hatte noch 4 Minuten, dann musste ich auf dem Weg zur Schule sein. „Sorry, muss mich beeilen“, informierte ich Papa, während ich das Essen in meine bereits gepackte Tasche stopfte. Eine Minute später war ich aus dem Haus getreten und schloss mich dem Strom von Schülern an.
„Bitte, ich habe solch einen Hunger“, krächzte jemand rechts von mir. Ich drehte mich um, ein Verdorbener hatte sich in unsere Reihen geschlichen. Die Uhr in seinen Augen stand bereits auf 11 Uhr, er hatte nicht mehr lange zu leben. Welche Regel er auch gebrochen hatte, er hatte dieses Schicksal sicher verdient, mehr musste ich nicht wissen. Ohne ihn weiter zu beachten, setzte ich meinen Weg fort. Mit schnellem Schritt brachte ich Abstand zwischen den Verdorbenen und mich. Ich hatte die erlaubte Interaktionszeit bereits ausgereizt.
Anhand seiner schlurfenden Schritte erkannte ich, dass er mir folgte, doch beschleunigte und schüttelte ihn ab. Ich betrat die Brücke und versuchte, nicht nach unten zu sehen.
Jeder wusste, dass es dort unten nur so von Verdorbenen wimmelte.
Die Verdorbenen waren jene, die die Regeln unserer Gesellschaft gebrochen hatten. Alle hassten und mieden sie, verständlicherweise. Jede Interaktion mit den Verdorbenen war strengstens untersagt. Die Regeln waren das, was unsere Gesellschaft am Leben erhielt. Jeder hielt sich an sie, musste sich unweigerlich an sie halten, denn wenn man dies nicht tat, folgten schreckliche Konsequenzen. Die Verdorbenen erfuhren diese Konsequenzen am eigenen Leibe, sie waren das Mahnmal. Sobald sie die Regeln gebrochen hatten, begann eine Uhr in ihren Augen zu ticken. Wenn diese Uhr zwölf schlug, starben die Verdorbenen auf der Stelle.
Wenige Minuten später erreichte ich die Schule, ließ mich an meinem Platz nieder, packte aus. Der Unterricht begann, doch ich ließ alles an mir vorbeiziehen. Ich würde eh die Schule bestehen, warum sollte ich aufpassen. Der Schultag zog an mir vorbei wie in dichtem Nebel. Ich gab niemandem das Essen. Auch wenn es ein paar Schüler gab, die während der Mittagspause ohne Essen dagesessen hatten, ich hatte ihnen nichts angeboten. Ich hatte darauf einfach keinen Bock, keinen Bock auf ihre Dankbarkeit und traurigen Gesichter. Entgegen der Meinung meiner Eltern war ich keine Heldin, wollte es auch nicht sein.
„Kommt ihr noch mit shoppen?“, fragte ich daher Melanie und Brittney, während diese ihre Taschen packten. Ein Lächeln zuckte über ihre Gesichter. „Klar“ antwortete Melanie mit einem breiten Grinsen, „ich habe heute erst Geld von Papa bekommen.“. Melanies Vater war unser Präsident und würden meine Eltern wissen, dass ich mich mit ihr traf, würden sie mich wahrscheinlich auf der Stelle enterben. Sie selbst waren Sanitäter und verachteten insgeheim unsere gesamte Regierung. Im Shoppingdistrikt angekommen zerrten mich die Beiden in eine Luxusboutique. Ich tat interessiert und zupfte an ein paar Designerkleidern, wusste allerdings, dass ich sie mir nicht leisten konnte.
„Ich gehe kurz frische Luft schnappen“, murmle ich und verließ das Geschäft. Ich ging ein paar Schritte in eine Nebengasse, in der es etwas ruhiger war. Plötzlich zupfte etwas an meinem Hosenbein und schnell machte ich einen Schritt zurück. Auf dem Boden hockte ein kleines Mädchen, es konnte kaum älter als sechs sein. „Was machst du hier?“, fragte sie und betrachtete meine Uniform. „Ich wüsste nicht, was dich das anginge“, antworte ich so unfreundlich ich konnte. Ich mochte keinen unnötigen Smalltalk, vor allem nicht mit kleinen Mädchen in dreckigen Gassen. „Tut es auch nicht… sag mal, hast du zufällig etwas zu Essen dabei? Ich habe solchen Hunger“.
Sollte ich ihr etwas Essen geben? Ich hatte tatsächlich noch ein paar Portionen Haferbrei übrig, ich hatte sie meinen Eltern zurückgeben wollen. Letztendlich würde es keinen Unterschied machen, ich würde ja nicht gleich zur Heldin werden, nur weil ich einem kleinen Mädchen etwas zu essen gegeben hatte.
„Hier“ sagte ich daher, packte das Essen aus und gab es ihr. Sie hielt den Blick gesenkt und riss mir die Box praktisch aus der Hand. Das Mädchen machte sich nicht einmal die Mühe, den Löffel entgegenzunehmen, sondern schaufelte sich die gräuliche Pampe mit den bloßen Fingern in den Mund. Hatte sie wirklich so großen Hunger?
Dabei sah ihre Kleidung sauber und gepflegt aus, wie die einer ganz normalen Schülerin an unserer Schule. Wäre sie aus einer niederen Stufe oder gar, mir lief ein Schauer über den Rücken, eine Verdorbene, hätte ich ihr sicher nichts gegeben. Das Mädchen hatte mittlerweile aufgegessen und hielt mir die leere Box entgegen.
Meine Lippen verzogen sich angewidert, als ihre mit Haferbrei bekleckerten Hände, die meinen berührten. Ich steckte die Box ein und wollte mich gerade umdrehen, da umklammerte etwas meine Beine. Das Mädchen umarmte mich. Ich versuchte sie abzuschütteln, ihre klebrigen Finger bohrten sich in mein Hosenbein.
„Bitte lass mich los.“, sagte ich, während ich weiterhin versuchte sie abzuschütteln. Diesmal etwas fester, mit mehr Kraft. Das Mädchen fiel nach hinten und prallte hart auf den Boden. Mit Tränen in den Augen sah sie mich an.
Mir gefror das Blut in den Adern. In ihren kleinen, braunen Äuglein tickte eine Uhr. Hastig machte ich ein paar Schritte zurück. Nein, das konnte nicht sein. Es war verboten, mit Verdorbenen zu kommunizieren oder ihnen zu helfen. Zitternd blickte ich mich nach einem Fluchtweg um. Mein Blick blieb allerdings an etwas anderem hängen. Ein zerbrochener Spiegel hing an der Wand. Vorsichtig trat ich näher und in den Splittern sah ich, wovor ich mich so gefürchtet hatte. Eine Uhr hatte begonnen in meinen Augen zu ticken.
Beschissene Regeln, was sollte dieser Mist? Was war der Sinn dahinter, ich hatte doch gar nichts getan, ich war doch nicht mal nett zu ihr! Eine Träne lief meine Wange hinunter. „Mama, Papa, es tut mir leid.“, flüsterte ich.
Mir kam eine Idee, meine einzige Chance doch noch die Heldin zu sein, die sich meine Eltern immer gewünscht hatten. Ich stürmte in die Boutique, drehte mich zu einem Kleiderständer und bemühte mich, ihr nicht in die Augen zu sehen, als ich sagte: „Melanie, kannst du mir mal kurz helfen?“ Die Uhr, die nach wenigen Minuten in Melanies Augen aufleuchtete, würde dem Präsidenten, ihrem geliebten Vater, gar nicht gefallen.
Elisabeth Mardicke

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